Pilzpfanne ohne Panne

Rosa Bartel - Freitag, 27.11.2020

Pilze sammeln ist der neue Trend im Lockdown light. Auf diversen Social-Media-Kanälen posieren Bekannte oder Freund:innen im Wald, manchmal sogar mit Kindern. Sie halten Pilze wie Pokale in ihren kleinen bis großen Händen, um sie herum fliegen bunte Blätter. Tannen und Laubbäume, Winterjacken und -mäntel, Thermoskannen und Bucheckern – eine herbstliche Idylle in meinem Feed. Sind die Pilze erstmal in heimische Gefilde verbracht, folgen zuverlässig Bilder von drapierten Pilzpfannen und dampfenden Kartoffeln. Da könnte Neid aufkommen. Doch nicht bei mir.

Zwar funktioniert das Abstandhalten im Wald meistens sehr gut, trotzdem löst dieses neue Herbst- und Lockdown-Hobby bei mir auch Skepsis aus. Ich denke an Pilzintoxikationen, an die geringe Anzahl von Pilzexpert:innen unter meinen Bekannten und daran, dass diese wiederum nicht so viele Ärzt:innen kennen. Im Falle eines Falles würde dies wahrscheinlich bedeuten, dass sie bei Erbrechen, Durchfall und Koliken erst einmal meine Nummer wählen, bevor sie in die Notaufnahme fahren. Fotos von Pilzpfannen lösen bei mir also dieser Tage eher Bauchschmerzen als Appetit aus. Wer schlau ist, sorgt vor, dachte ich mir, und recherchierte zu Weisheiten über das Sammeln von Pilzen. Dabei stellte sich die Website des Giftinformationszentrums-Nord (GIZ-Nord) als besonders hilfreich heraus. Laut diesem werden Pilzvergiftungen und Verdachtsfälle mit großer saisonaler Schwankung berichtet. Besonders viele Fälle gibt es – wenig überraschend – jedes Jahr im Spätsommer und Herbst. Als kleine Orientierungshilfe, habe ich deshalb einen kleinen 3-Punkte-Ratgeber zusammengestellt.

Erstens: Das GIZ-Nord rät – ganz in meinem Sinne – keine Pilze zu sammeln, die man nicht ganz genau kennt. Zusätzlich wird ausdrücklich davon abgeraten, "nach Buch, App oder Internet" zu sammeln. Egal wie umfangreich, geben sie nur einen kleinen Teil der bei uns wachsenden Pilzarten wieder. Und wenn man nicht alle Pilze (er)kennt, wird es potentiell gefährlich.

Zweitens: Ein strategischer Ansatz, frei nach dem Motto: Kenne deine Feinde besser als deine Freunde. Empfohlen wird, sich zuerst mit den häufigen und besonders giftigen Pilzarten vertraut zu machen. Aus diesem Grund folgt hier eine Liste der giftigen Pilze, die man unbedingt kennen sollte. Und wenn es nur zum Angeben beim Waldspaziergang ist:

- Grüner Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) auch als weiße Varietät

- Kegelhütiger Knollenblätterpilz (Amanita virosa)

- Orangefuchsiger Rauhkopf oder Löwengelber Schleierling (Cortinarius orellanus)

- Spitzgebuckelter Rauhkopf (Cortinarius rubellus, C. speciosissimus)

- Gifthäubling (Galerina marginata) 

- Pantherpilz (Amanita pantherina)

- Gift- oder Frühjahrslorchel (Gyromitra esculenta)

- Kahler Krempling (Paxillus involutus)

Drittens: Better safe than sorry! Nachdem die Feinde studiert und die (vermeintlich) genießbaren Pilze gefunden wurden, wird geraten, eine pilzsachverständige Person aus der Umgebung ausfindig zu machen. Nur so können gesammelte Pilze sicher als essbar eingestuft werden. Eine Vielzahl an Pilzsachverständigen wirkt auch in regionalen Vereinen mit und bietet sog. Pilzlehrwanderungen an.

Von diesen 3 Punkten abzuweichen, könnte man getrost als Pilz-Russisch-Roulette bezeichnen. Pilzvergiftungen führen zu vielfältigen Symptomen, insb. sind gastrointestinale Symptome mit Diarrhö, Erbrechen und Koliken beschrieben. Hinzu können vegetative Symptome bis hin zum anticholinergen Syndrom sowie psychiatrische Symptome wie Halluzinationen eintreten. Schlimmstenfalls können die Symptome nach etwa 3–10 Tagen in  akutem Leberversagen bzw. Multiorganversagen gipfeln. Der Verzehr eines einzelnen Giftpilzes kann bereits tödlich sein. Beim Knollenblätterpilz liegt die Letalität bei Erwachsenen bspw. bei 10–20 Prozent. 

Allen Freund:innen des Laubwalds ist also für den Fall eines Falles unbedingt zu raten: Solltet ihr oder eure Bekannten in eine Pilz-Bredouille geraten, bitte anstatt bei mir oder anderweitigen ärztlichen Bekannten lieber im zuständigen GIZ anrufen, bspw. unter 0551/19240 (24 Stunden am Tag erreichbar)! Oder man begebe sich direkt in die Notaufnahme. 

Folgende Informationen sind dann neben den Personendaten absolut hilfreich: 

- Beschreibung der Beschwerden jeweils mit Zeitpunkt des Auftretens

- Gewicht der betroffenen Person

- Zeitpunkt der letzten Pilzeinnahme

Abschließend noch ein kleiner und entscheidender Tipp: Immer Pilzreste aufbewahren! Damit haben Pilzexpert:innen die Möglichkeit der nachträglichen Identifikation des Pilzes. Im Zweifel ein potentiell lebensrettender Vorteil.

Das wäre soweit das kleine Einmaleins für diejenigen, die mit selbsternannten Mykolog:innen konfrontiert sind. Mein Appell an Freund:innen und Bekannte und mein Hinweis an Kolleginnen und Kollegen: Pilze entdecken und benennen ist vielleicht mühsam und materiell nicht so befriedigend, wie mit einem Körbchen voller Pilze das Tagewerk bezeugen zu können – doch bedeutend ungefährlicher! Für mich persönlich kann ich jedenfalls behaupten, dass ich mich seit Beginn des Herbstes zwar nicht viel besser mit Pilzen auskenne, dafür aber mit Pilzintoxikationen. Immerhin!

 

Wer sich auch für alle Fälle informieren möchte, tut das am besten mit den AMBOSS-Kapiteln zu Überblick über Vergiftungen und Akutem Leberversagen bei Knollenblätterpilzvergiftung, bei der GIZ-Nord und ähnlichen Anlaufstellen sowie der Seite der deutschen Gesellschaft für Mykologie. Guten Appetit!