Urlaubsinfiziert – von Bahamas, Schweinchen und Phlegmonen

Angélique Fülbier - Dienstag, 29.9.2020

Palmen, Strand, Meer. Wer hat sich im Dienst nicht schon mal in die weite Ferne auf eine sonnige Insel gewünscht? Reiseanbieter und Influencer:innen boten mir als Anregung folgende Bilder: Im Atlantik schwimmende Schweine an einem Strand auf den Bahamas. Cocktails & Karibikurlaub inklusive echter “Meerschweinchen”, die sich im Wasser knuddeln lassen? Die Werbung ist gelungen: Ich bin verliebt. Die Bahamas landen auf meiner Bucket-List. 

Dass in diesem Paradies ein hinterlistiges Geschöpf lauert, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Folgender Fallbericht desillusionierte mich jäh: 

Ein 74-jähriger Mann gönnte sich 2018 einen Urlaub auf den Bahamas. Kurz vor Urlaubsantritt war am rechten Unterschenkel eine Hautbiopsie erfolgt. Auf den Bahamas badete er nun abseits des chlorierten Pools im Meerwasser. Highlight des Urlaubs: Ein Ausflug zum Pig Beach. Die altbewährte Poolnudel wurde ersetzt – ab jetzt schwomm man(n) mit Schweinchen!

Nach seiner Heimreise präsentierte der Herr nun neben Fieber und Unwohlsein ein schmerzhaftes, kreisförmiges Erythem und eine Überwärmung der Haut rund um die noch sichtbare Inzisionsstelle der Hautbiopsie. Eine ödematöse Schwellung erstreckte sich bis zum Knie, das Erythem sogar bis zur Leiste. Laborparameter untermauerten das infektiöse Geschehen. Ein MRT bestätigte eine vom Knie bis zum Knöchel reichende Phlegmone. Nach 24 Stunden waren aerobe und anaerobe Blutkulturen positiv.

Identifizierter Übeltäter: Shewanella putrefaciens.
Das Bakterium, das klingt wie ein Streich der örtlichen Mikrobiologie, zählt neben Exoten wie Vibrio, Aeromonas, Plesiomonas und Erysipelothrix zur Sammlung maritimer Keime, die wahrlich unter die Haut gehen. Beheimatet sind Shewanellaceae als im Meer lebende Keime vor allem in marinen Gefilden Südostasiens, Südafrikas und des südlichen Europas. Dank der Erderwärmung sind sie nun auch vermehrt in gemäßigteren Regionen anzutreffen.

Klinisch manifestiert sich Shewanella vor allem durch Haut- und Weichteilinfektionen. Wer nun annimmt, Shewanella sei aber ganz schön oberflächlich, irrt gewaltig! Dieses Bakterium ist vielseitig interessiert und geht durchaus in die Tiefe: Knochen, Augen, ZNS, Herz und Atemwege… Alles Infektionsgebiete seiner Wahl! Wer diesen entzückenden Gefährten gerne als Souvenir mit nach Hause nehmen möchte, hier ein exklusiver Tipp: Eine besondere Schwäche hat Shewanella für chronische, offene Wunden in Kombination mit Meerwasserexposition. So eine einladende Wunde durch Hautbiopsie lässt es sich auch auf keinen Fall entgehen!

Einmal angelacht, wird man es so einfach nicht wieder los. Das räudige kleine Ding überzeugt mit Hartnäckigkeit. Bei Penicillinen und Cephalosporinen der ersten beiden Generationen bleibt Shewanella eher unbeeindruckt. In die Flucht schlägt man es stattdessen eher durch Piperacillin/Tazobactam, Cephalosporine ab Generation drei oder Carbapeneme.

Unser 74-jähriger Patient konnte letztlich erfolgreich für zwei Wochen mit Cefepim behandelt werden. Die Symptome gingen zurück, ein operativer Eingriff wurde nicht notwendig. Vielleicht lag es am Antibiotikum, vielleicht überkam Shewanella aber auch einfach das Heimweh nach karibischen Gewässern. Harte Hülle, aber weicher Kern!
Seine besten Freund:innen am Riff sind übrigens Vibrio und Aeromonas. Bei Patient:innen, die in warmen Meeren planschen waren, sollte im Falle oben genannter Symptome daher therapeutisch dieses reizende Dreiergespann bedacht werden.

Auf die Bahamas fliege ich in naher Zukunft sowieso nicht. Offiziell wegen COVID-19, inoffiziell liegt es wohl eher an meinem Budget.  
Ob mit oder ohne Schwein – vom Badeurlaub kurz nach einer Hautbiopsie rate ich ab.
Dass ein heimtückisches Bakterium wie Shewanella putrefaciens meine Träume vom Schweine-Knuddeln zerstört, werde ich dennoch auf keinen Fall zulassen.
Nächstes Wochenende geht es in den Streichelzoo. Den Cocktail für das Bahama-Feeling kann ich mir ja mitnehmen.

Ahoi, eure Angélique.

 

Hintergrundinformationen zum Nachlesen:
DOI:
10.1155/2018/4092609; 10.1007/s11908-011-0199-3