Perpetuum immobile: Was steckt hinter ME/CFS?

Philipp Winghart - Freitag, 3.12.2021
Ein schlanker junger Mann liegt ermattet im Bett. Eine Ader tritt auf Seiner Stirn hervor. Er senkt die Augen, blickt ins Nichts. Im Hintergrund ein Rollstuhl.

Hunderttausende leiden in Deutschland am chronischen Fatigue Syndrom. Wie wir der Krankheit auf die Spur kommen und was Long-COVID und die neue Regierung damit zu tun haben.

Im Juli 1955 schien sich unter dem Personal des Royal Free Hospital in London eine mysteriöse Infektionskrankheit auszubreiten. Ungefähr 300 Mitarbeitende entwickelten Kopfschmerzen bis hin zu schweren neurologischen Symptomen mit monatelang anhaltender Muskelschwäche. Man vermutete eine entzündliche ZNS-Genese und gab der Krankheit den Namen „myalgische Enzephalomyelitis“ (ME). Ein Erreger als Ursache für den Ausbruch konnte allerdings nicht nachgewiesen werden.

Mehr als 65 Jahre später sind die Ursachen dieser Erkrankung immer noch weitgehend ungeklärt. Aufgrund ihres Leitsymptoms wird sie mittlerweile auch „chronisches Fatigue Syndrom“ (CFS) genannt. Die bis zu 400.000 Betroffenen in Deutschland sprechen meist von „ME/CFS“. 

Die Krankheit manifestiert sich oft wie folgt: Nach einer viralen Infektion, etwa mit dem Epstein-Barr-Virus oder humanen Herpesviren, treten beispielsweise extreme Fatigue, neurokognitive Einschränkungen sowie Muskel- und Kopfschmerzen auf. Außerdem kann es zu erhöhter Infektanfälligkeit, Ataxie sowie Schlaf- und Sehstörungen kommen. Auch nach Infektionen mit intrazellulären Bakterien und  nach Operationen oder HWS-Traumen wurden Fälle beschrieben. 

ME/CFS schränkt die Lebensqualität der Betroffenen so stark ein, dass sie meist rasch ärztliche Hilfe aufsuchen. Da es aber keine etablierten Biomarker gibt und die präsentierten Symptome unspezifisch sind, vergehen oft viele Jahre, bis die korrekte Diagnose gestellt wird.

Wenn Erkrankte versuchen, gegen ihre Symptome anzugehen und körperlich aktiv zu werden, laufen sie Gefahr, ein weiteres Charakteristikum des ME/CFS zu erleiden: die postexertionelle Malaise (PEM). Nach körperlicher und geistiger Anstrengung kommt es nach einer Latenzzeit von Stunden bis Tagen zur völligen Erschöpfung. „Es ist, als hätte mir jemand den Stecker gezogen“, beschreiben viele Betroffene das Phänomen.

Gesellschaftliche Teilhabe, soziale Kontakte und Karrieren kommen durch ME/CFS im Krankheitsverlauf oft zum Erliegen: Ungefähr ein Viertel der Betroffenen ist bettlägerig oder kann das Haus nicht verlassen, drei Viertel sind erwerbsunfähig oder können nicht mehr zur Schule gehen.

Die vielfältigen Symptome klinisch richtig einzuordnen ist nicht immer einfach. Davon zeugen dicke Ordner mit Befunden, die oft jahrelang von Arzt zu Ärztin getragen werden. Dieser Herausforderung ließe sich mit einem strukturierten Diagnosealgorithmus begegnen:

Fällt in der Anamnese eine chronische Erschöpfung auf, sollte eine ausführliche internistische, neurologische und psychiatrische Differenzialdiagnostik erfolgen. Sobald sekundäre Ursachen ausgeschlossen sind, können gezielte Fragen nach einer vorangegangenen Infektion und anderen Auslösern zur Verdachtsdiagnose ME/CFS führen. Diese lässt sich dann anhand der kanadischen Kriterien zur Diagnosestellung bestätigen. Neben Beschwerdedauer und notwendigen Symptomen wie Fatigue und PEM werden darin weitere Symptomkategorien wie Schlafstörungen, Schmerzen, kognitive Defizite sowie autonome, neuroendokrine und immunologische Störungen abgefragt.

Einen Überblick über die Ätiologie, Ausschluss- und Differenzialdiagnostik sowie die notwendigen Kriterien zur Diagnosestellung bietet das AMBOSS-Kapitel ME/CFS.

ZUM AMBOSS-KAPITEL


Doch was steckt hinter dieser multisystemischen Erkrankung? Eine Erklärung könnte eine gestörte Immunregulation mit Bildung von Autoantikörpern sein. So fallen bei ME/CFS-Betroffenen signifikant erhöhte Titer gegen β2-Adrenorezeptoren und muskarinerge Cholinozeptoren vom Typ M3/M4 auf. Diese finden sich unter anderem auf der glatten Muskulatur und könnten für die orthostatische Intoleranz mit posturalem orthostatischen Tachykardiesyndrom (POTS) verantwortlich sein. Dieses tritt bei etwa 10 bis 20% der ME/CFS-Patient:innen auf und lässt sich durch den Kipptisch- oder Schellong-Test objektivieren.

Auch Antikörper gegen muskarinerge Cholinozeptoren vom Typ M1, die vor allem auf Nervenzellen vorkommen, lassen sich bei ME/CFS nachweisen. Sie spielen unter anderem eine wichtige Rolle bei der Genese von Erkrankungen, die mit Muskelschwäche einhergehen, z. B. dem Lambert-Eaton-Syndrom und der Myasthenia gravis. Eine pathologische Muskelermüdbarkeit lässt sich bei ME/CFS per Handgriffmanometer quantifizieren. 

Außerdem zeigen Mäuse mit einem genetischen Knock-out der M1-Cholinozeptoren schwere Defizite beim Lernen und in der Gedächtnisverarbeitung. Sollten diese Beobachtungen aus dem Tierversuch auf den Menschen übertragbar sein, wären sie ein möglicher Erklärungsansatz für den sog. “Brain Fog”, von dem ME/CFS-Betroffene immer wieder berichten: Das Bewusstsein erscheint ihnen dabei “wie vernebelt” und das Nachdenken fällt schwer. Das Symptom ist auch im Zusammenhang mit Long-COVID bekannt.

Postinfektiös beeinträchtigte Mitochondrien könnten bei der Fatigue eine Rolle spielen. Darauf weisen Veränderungen im mitochondrialen Stoffwechsel, Erbgut und Membranpotenzial hin. 

Darüber hinaus wird zur Rolle von chronischer Inflammation und Infektion geforscht. Möglicherweise führen völlig unterschiedliche Pathomechanismen zu einem symptomatisch ähnlichen, aber ätiologisch nicht einheitlichen Krankheitsbild. 

Eine spezifische Therapie existiert bisher nicht. Das sog. “Pacing” kann helfen: Durch Hilfsmittel wie Aktivitätsprotokolle lernen Menschen mit ME/CFS, ihre Energie einzuteilen und der postexertionellen Malaise vorzubeugen. Auch Selbsthilfegruppen stellen eine wichtige Stütze für die oft verzweifelten Betroffenen dar. Medikamentös kommen im Off-Label Use bei Schmerzen unter anderem Gabapentin, Pregabalin, Duloxetin oder Naltrexon zum Einsatz, gegen die orthostatische Intoleranz beispielsweise Propranolol, bei Schlafstörungen Amitriptylin.

Die SARS-CoV-2-Pandemie lenkt aktuell den wissenschaftlichen und klinischen Fokus auch auf die Bedeutung der chronischen postviralen Fatigue: Vorläufige Ergebnisse einer Studie der Charité zeigen, dass sechs Monate nach Infektion bei etwa der Hälfte der Long-COVID-Fälle auch die ME/CFS-Diagnosekriterien erfüllt sind. Ein Großteil der Betroffenen leidet unter Muskelschmerzen, fast alle berichten von postexertioneller Malaise und Fatigue. 

Diese neue Aufmerksamkeit sollte genutzt werden, um ME/CFS als gängige Differenzialdiagnose in Praxis und Klinik zu etablieren. Tatsächlich gibt es Bewegung auf politischer Ebene: Der Koalitionsvertrag der neuen Regierungskoalition sieht den Aufbau eines deutschlandweiten Netzwerks von Kompetenzzentren und interdisziplinären Ambulanzen für ME/CFS und Long-COVID vor. Wichtig wären auch Fortbildungen und breite öffentliche Aufklärungskampagnen. Wer gute Medizin machen will, sollte diese Erkrankung auf dem Schirm haben.

 

Hilfe und Informationen für Betroffene bieten z.B. die Deutsche Gesellschaft für CFS/ME e.V., Fatigatio e.V. oder die Lost Voices Stiftung.

Die aktuelle NICE Guideline zu ME/CFS gibt es hier.

Einen Einblick in das Leben mit ME/CFS bietet die ARTE-Dokumentation “Die rätselhafte Krankheit - Leben mit ME/CFS”.

Quellen: 

Loebel M, Grabowski P, Heidecke H, et al. Antibodies to β adrenergic and muscarinic cholinergic receptors in patients with Chronic Fatigue Syndrome. Brain Behav Immun. 2016;52:32-39. doi:10.1016/j.bbi.2015.09.013

Rasa, S., Nora-Krukle, Z., Henning, N. et al. Chronic viral infections in myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome (ME/CFS). J Transl Med 16, 268 (2018). doi.org/10.1186/s12967-018-1644-y

Sotznya F, Blanco J, Capelli E, et al. Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome – Evidence for an autoimmune disease, Autoimmunity Reviews  Volume 17, Issue 6, June 2018, Pages 601-609.doi.org/10.1016/j.autrev.2018.01.009

Tanaka S, Kuratsune H, Hidaka Y, et al. Autoantibodies against muscarinic cholinergic receptor in chronic fatigue syndrome, Int J Mol Med, 12 (2003), pp. 225-230. doi.org/10.3892/ijmm.12.2.225

Gould RW, Dencker D, Grannan M, et al. Role for the M1 Muscarinic Acetylcholine Receptor in Top-Down Cognitive Processing Using a Touchscreen Visual Discrimination Task in Mice. ACS Chem Neurosci. 2015;6(10):1683-1695. doi:10.1021/acschemneuro.5b00123

Kasper, Fauci: Harrisons Innere Medizin. ABW Wissenschaftsverlag 2016, ISBN: 978-3-940-61550-3.