Gender-Bias in der Anatomie: "Das geht schon mit der Eizelle los"

Britta Verlinden - Freitag, 26.8.2022
Die Körperachsen am Beispiel eines weiblichen Körpers mit dunkler Haut. Gender-Bias in der Anatomie im AMBOSS-Blog.

Einem aktuellen Paper zufolge zeigen anatomische Lehrbücher deutlich weniger weibliche Körper als männliche. Warum das früh unser ärztliches Denken prägt und wie digitale Plattformen dieser Verzerrung ein Ende bereiten, erklärt Studienautor Dr. Dogus Darici im Interview.

AMBOSS-Blog: Herr Dr. Darici, Sie haben gerade eine Studie zu Gender-Bias in anatomischen Lehrmaterialien veröffentlicht. Wie kamen Sie dazu?

Dr. med. Dogus Darici: Im Rahmen einer Histologie-Veranstaltung hat sich eine Studentin bei uns beschwert: "Wir schauen uns den Penis genau an, aber was ist mit dem äußeren weiblichen Genital? Das wird viel zu oberflächlich behandelt." Und tatsächlich findet sich – gerade in der Standardliteratur, die wir und dementsprechend auch die Studierenden verwenden – einfach sehr wenig zu dem Thema. Das war der Anlass, uns zu fragen: Gibt es da tatsächlich eine Verzerrung? 

AMBOSS: Und, gibt es sie?

Darici: Ja, und das ist, wie uns dann schnell klar wurde, auch schon lange bekannt! Zum einen gibt es einen quantitativen Bias, bei dem es schlicht um die Anzahl der Darstellungen geht. Bereits in den 90er-Jahren wurde im JAMA publiziert, dass Anatomie-Lehrbücher und Atlanten Frauen viel seltener als Männer abbilden. Mir war das gar nicht bewusst, obwohl ich täglich mit diesem Material zu tun habe. Das zeigt, dass es sich um einen impliziten Bias handelt: Es erscheint uns völlig normal, dass wir beispielsweise beim Bewegungsapparat vor allem Männer sehen – und Frauen erst, wenn es um Reproduktionsorgane geht. 

AMBOSS: Es geht also vor allem um ein Missverhältnis von weiblichen und männlichen Darstellungen? 

Darici: Das ist die quantitative Verzerrung. Daneben gibt es noch einen qualitativen Bias, der die Art der Darstellung betrifft. So hat eine australische Untersuchung im Jahr 2017 gezeigt, dass Frauen häufig in einer passiven Rolle abgebildet werden. Das geht schon mit der Eizelle los. In Abbildungen, die die Befruchtung zeigen, wird die Eizelle immer als passiver Rezipient dargestellt. Und auch Illustrationen der Genitale bilden oft eher ein soziales Konstrukt ab als die Realität und ihre Variabilität, etwa bei den Labien. Diese Lehrmaterialien sind für die Studierenden die ersten Bilder in der Medizin – das heißt, sie bleiben hängen und formen ihre Vorstellungen von den Geschlechtern. Unser Anliegen war es, diesen impliziten Bias sichtbar zu machen.

Alle Menschen haben Vorurteile. Aber wie verhindern wir, dass Bias und Stereotype unser ärztliches Handeln negativ beeinflussen? AMBOSS gibt praktische Tipps für Rettungsstelle und Stationsalltag.

ZUM AMBOSS-KAPITEL

AMBOSS: Worum ging es in Ihrer Studie? Offenbar haben Sie erst mal Bilder gezählt …

Darici: Genau! Das ist eine ganz einfache Methode, eine Querschnittuntersuchung der aktuell verfügbaren Lehrmaterialien: Wie viele Bilder gibt es? Wie viele davon zeigen weibliche Körper, wie viele männliche? Dann haben wir die Bilder in weitere Kategorien eingeteilt: Zeigen sie den ganzen Körper oder nur einen Teil? Bilden sie den Menschen oder den Körperteil von oben oder von unten, von vorne oder von hinten ab? So haben wir knapp 3.700 Abbildungen charakterisiert und ausgewertet. Übrigens gemeinsam mit der Studentin, die uns auf das Thema aufmerksam gemacht hat – sie ist Zweitautorin der Studie.

AMBOSS: Was haben Sie herausgefunden?

Darici: Traurigerweise muss man festhalten, dass sich in den Printmedien seit den 90er-Jahren nichts getan hat: Frauen machen nach wie vor nur knapp ein Drittel aller Darstellungen in Anatomie-Lehrbüchern und Atlanten aus. Zudem werden sie, wie bereits angesprochen, viel häufiger in geschlechts- und reproduktionsspezifischen Kontexten gezeigt – und zwar von unten, also von kaudal, während Männer eher von ventral gezeigt werden. Bei Männern wird außerdem viel öfter der gesamte Körper dargestellt, bei Frauen oft nur ein Teil des Körpers. Auf Übersichtsseiten in Atlanten ist das oft der Fall: Sie stellen einmal den ganzen Körper vor – einen männlichen – und daneben Ausschnitte mit Abweichungen, zu denen dann die weiblichen Abbildungen gehören. Insgesamt werden weibliche Körper mit größerer Wahrscheinlichkeit mit einer Pathologie dargestellt als männliche. Hinzu kommt, dass Lehrbücher Menschen jenseits der binären Geschlechtskategorien überhaupt nicht thematisieren. 

AMBOSS: Sie haben aber nicht nur Bücher ausgewertet.

Darici: Ja, und ich glaube, das ist das Besondere an unserer Studie: Wir wollten auch wissen, ob es einen Unterschied zwischen Lehrbüchern und digitalen Plattformen gibt. Das hat sich bisher noch niemand angeschaut. Dabei wissen wir aus anderen Untersuchungen, dass Studierende heutzutage sehr viel mit Online-Materialien lernen. Uns hat interessiert: Was ist bei digitalen Medien anders? Und tatsächlich: Bei digitalen Plattformen dreht sich das Verhältnis komplett um. Das hat uns verblüfft! Auf einmal sind zwei Drittel der dargestellten Menschen weiblich und nur ein Drittel männlich.

AMBOSS: Ich habe vor diesem Interview bei unserem Illustrationsteam nachgefragt und mir wurde bestätigt: “Ja, wir wollten Frauen ganz bewusst präsenter machen.” 

Darici: Das merkt man! Beim Bewegungsapparat fand ich das besonders auffällig: Wie bestimmte Bewegungen illustriert werden – das würde man so niemals in Printmedien finden. Und was auch interessant ist: Seit ich mich mit dieser Thematik beschäftige, fallen mir immer neue Beispiele auf. Wenn ich im Internet etwa nach Dermatomen suche, finden sich vor allem männliche Abbildungen. Jetzt könnte man sagen: “Na ja, das lässt sich doch auf Frauen übertragen, oder?” So einfach ist das aber nicht. Im Intimbereich beispielsweise unterscheiden sich die Dermatome zwischen den Geschlechtern.

AMBOSS: Was können wir also tun?

Darici: Das ist eine schwierige Frage, weil es hier nur um einen Teilaspekt eines großen Problems geht. Das heißt, der Gender-Bias in der Anatomie lässt sich eigentlich nicht isoliert betrachten. Der erste Schritt wäre, sich das überhaupt bewusst zu machen. Es handelt sich ja um einen impliziten Bias, der uns häufig gar nicht klar ist. Aber wer sich einmal damit beschäftigt, schult die eigene Wahrnehmung. Der zweite Schritt ist, die Sensibilität bei Anderen zu schärfen. Ich glaube, nur mit einer kritischen Masse an Menschen, die sich mit dieser Thematik befassen, haben wir die Möglichkeit, auch etwas zu ändern – gerade wenn es um die Printmedien geht. Initiativen gibt es übrigens! Ein Medizinstudent aus Nigeria fertigt beispielsweise anatomische Zeichnungen von Menschen mit dunklerer Hautfarbe an.

AMBOSS: Chidiebere Ibe. Sein Bild von einem Schwarzen Baby im Mutterleib ging letztes Jahr um die Welt. 

Darici: Weil es das vorher so noch nicht gab. Das ist doch unglaublich! Aber wir Lehrenden sollten auch kritisch mit den Studierenden diskutieren. Unsere Veranstaltung zum äußeren weiblichen Genital haben wir mittlerweile deutlich überarbeitet. Wir sind da nochmal die Literatur durchgegangen und die Darstellung der Klitoris beispielsweise kam meist viel zu kurz …

AMBOSS: … im wahrsten Sinne des Wortes: Die vollständige Anatomie der Klitoris ist ja erst in diesem Jahrtausend beschrieben worden!

Darici: Ja, auch unser Fach entwickelt sich weiter. Und das muss es auch! Ich war kürzlich auf einer Fortbildung, auf der wir viel über die weibliche Anatomie gesprochen und auch die Klitoris präpariert haben, was ja im Studium fast nie stattfindet. Auch ihr histologischer Aufbau wird oft gar nicht thematisiert. Aber ich bin vorsichtig optimistisch, dass es inzwischen eine Sensibilität für das Thema gibt und wir auf einem guten Weg sind. Digitale Medien wie AMBOSS zeigen ja: Veränderung ist möglich.


Dr. med. Dogus Darici
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Anatomie und Molekulare Neurobiologie der Universität Münster. Die hier besprochene Studie
“Are stereotypes in decline? The portrayal of female anatomy in e-learning” hat er gemeinsam mit Agnes Yüeh-Dan Schneider, Prof. Dr. med. Markus Missler und Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Bettina Pfleiderer vorgelegt.

 

Zum Weiterlesen und Informieren

Mendelsohn KD, Nieman LZ, Isaacs K, Lee S, Levison SP. Sex and gender bias in anatomy and physical diagnosis text illustrations. JAMA. 1994;272(16):1267-1270.

Parker R, Larkin T, Cockburn J. A visual analysis of gender bias in contemporary anatomy textbooks. Soc Sci Med. 2017;180:106-113. doi:10.1016/j.socscimed.2017.03.032

Darici D, Schneider AY, Missler M, Pfleiderer B. Are stereotypes in decline? The portrayal of female anatomy in e-learning [published online ahead of print, 2022 Jul 18]. Anat Sci Educ. 2022;10.1002/ase.2211. doi:10.1002/ase.2211

TEDx-Talk von Chidiebere Ibe: “How Diversity in Medical Illustrations Can Improve Healthcare Outcomes”

Für Dr. Darici ist der Gender-Bias in der Anatomie "nur ein Teilaspekt eines großen Problems". Über weitere Aspekte haben wir mit Professorin Gertraud Stadler im Podcast gesprochen.