Das ungeliebte Symptom

Philippa von Schönfeld - Donnerstag, 18.2.2021
AMBOSS Medizin Blog Schwindel

So häufig Schwindel ist, so ungern befassen sich viele Ärzt:innen damit. Eine strukturierte Anamnese hilft, den oft unspezifischen Beschwerden rascher auf die Spur zu kommen. 

Jeder dritte Mensch sucht im Laufe seines Lebens wegen „Schwindel“ ärztlichen Rat. Ein alltägliches Wort, das nicht in die Effizienz der deutschen Sprache zu passen scheint: so zahlreich die Facetten, die gemeint sein können, so vielfältig seine möglichen Ursachen und Folgen. Wie strukturiert man die Anamnese eines vagen Gefühls?

Als Symptom ist der Schwindel besonders in der Allgemein- und Notfallmedizin ein Klassiker. Unspezifisch und ungeliebt führt die Symptomatik oft zu einer Watch-and-wait-Strategie der Behandelnden. An den medizinischen Schnittstellen gilt es zu filtern: Wie schwer wiegen die Beschwerden? Welche Ursachen können dahinterstecken? Welche Diagnostik und ggf. Überweisung ist nötig? Durch die fächerübergreifende Differentialdiagnostik ist es sinnvoll, interdisziplinär vorzugehen.

Die Anamnese lässt sich am besten in 4 Blöcke strukturieren: Ausprägungsform, zeitliche Einordnung, Trigger und Begleitumstände. Diese helfen, die Ursache einer der 3 folgenden Kategorien zuzuordnen: peripher-vestibulär, zentral-vestibulär und nicht-vestibulär. Wenn Patient:innen von einem Karussell, Aufzug oder Schiff sprechen, ist das gut mit den erwarteten Beschreibungen vereinbar. Wird initial aber von Taumel, Torkel oder „Driesligkeit“ gesprochen oder fühlt sich jemand umnebelt, dusslig oder schwummrig, kollidiert die bunte Umgangssprache mit der medizinischen Terminologie. Der zeitliche Ablauf dagegen ist objektivierbar und bei plötzlichen Attacken oder dauerhaftem Schwindel sehr eindrücklich. Auch die Körperlage, in der die Beschwerden sich bessern oder verschlimmern, kann wegweisend sein. Begleitumstände wie weitere Symptome und Grunderkrankungen wiederum mögen einen Verdacht stützen oder die Diagnosefindung erschweren.

Ebenso wichtig wie schwierig ist es, periphere und zentrale vestibuläre Ursachen anamnestisch voneinander zu trennen: Red Flags für zentrale Läsionen in der Anamnese oder in der klinischen Untersuchung – etwa über das HINTS-Protokoll – drängen auf eine Akuttherapie. Die eigene Hypothese muss dementsprechend immer wieder überprüft werden.

Schwindel ist nicht nur häufig, sondern schränkt die meisten Betroffenen auch stark ein. Etwa die Hälfte der Patient:innen ist über 70 Jahre alt: Komorbiditäten und lange Medikamentenlisten erweitern in dieser Altersklasse das Ursachenspektrum um Interaktionen und unerwünschte Nebenwirkungen. Keine einzelne Frage oder simple körperliche Untersuchung kann die Masse an möglichen Auslösern verlässlich eingrenzen – mit einem strukturierten Vorgehen und einer kurzen Leitung in andere Fachrichtungen lässt sich der Schwindel jedoch effizient und souverän ergründen.

 

Quellen: Tiefergehende Inhalte zum Vorgehen bei der Schwindeldiagnostik finden sich im komplett überarbeiteten und aktualisierten AMBOSS-Kapitel zum Thema Schwindel. Beim Erkennen akut behandlungsbedürftiger Störungen hilft die entsprechende AMBOSS-SOP.