Mit Pilzen aus der Depression?

Jannis Ulke - Sonntag, 6.6.2021
Psilocybinhaltige Pilze wachsen auf grünem Moos

Viele Menschen mit schwerer Depression gelten als therapieresistent. Ein möglicher neuer Hoffnungsträger ist Psilocybin, der Wirkstoff von “Magic Mushrooms”. Anlass zum Optimismus geben zwei aktuelle Studien.

Weltweit leiden etwa 350 Millionen Menschen an einer Depression. Laut WHO gehören Depressionen zu den Erkrankungen, die die Betroffenen am stärksten einschränken, und stellen so eine enorme Belastung für die individuelle und öffentliche Gesundheit dar. Die schlimmste Auswirkung einer Depression ist der Suizid – weltweit die zweithäufigste Todesursache von Menschen zwischen 15 und 29 Jahren.

In der medikamentösen Behandlung von Depressionen gab es in den letzten Jahrzehnten kaum Fortschritte. Seit den 80er-Jahren sind Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) Mittel der Wahl. Größere Metaanalysen legen jedoch nahe, dass auch die neuesten und wirksamsten SSRIs nur marginal effektiver gegen Depressionen helfen als ein Placebo. Nur etwa die Hälfte der Betroffenen spricht überhaupt darauf an. Hinzu kommt ein sehr verzögerter Wirkeintritt, ein ausgeprägtes Nebenwirkungsprofil und eine schlechte Compliance. Neue Optionen für diese Volkskrankheit werden also dringend benötigt.

Nicht zuletzt deshalb erlebt die Psychedelika-Forschung nun eine Renaissance. Klassische Psychedelika aktivieren den 5-HT2A-Rezeptor und können so den Bewusstseinszustand vorübergehend stark verändern. In diesem Jahr haben die Fachzeitschriften New England Journal of Medicine und JAMA Psychiatry die Ergebnisse zweier großer Studien veröffentlicht, die nahelegen, wie wirksam diese Substanzen bei Depressionen sein könnten. 

Das Erleben unter Einfluss von Psychedelika reicht von visuellen, akustischen und taktilen Pseudohalluzinationen bis hin zu Erfahrungen, die als einsichtsreich und spirituell empfunden werden. Für die Medizin interessant sind der “Magic Mushroom”-Wirkstoff Psilocybin, Lysergsäurediethylamid (LSD) und der Wirkstoff des indigenen Ayahuasca-Pflanzensuds N,N-Dimethyltryptamin (DMT). Schon in den 50er- und 60er-Jahren wurde viel an diesen Substanzen geforscht. Sie galten als "Wundermittel" der Psychiatrie, wurden jedoch im Zuge der repressiven Drogenpolitik in den USA verboten, womit auch die Forschung weltweit zum Stillstand kam.

Mit der Jahrtausendwende kam die Erforschung von Psychedelika und ihrem Potential zur Behandlung psychiatrischer Leiden wie Angststörungen, Suchterkrankungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen wieder in Gang. In den letzten zehn Jahren richtete sich der Fokus immer mehr auf die Behandlung von Depressionen, wobei größtenteils das Pilz-Psychedelikum Psilocybin eingesetzt wurde. Die beste Evidenz zur Wirksamkeit von Psilocybin gab es bisher für eine Patientengruppe, die aufgrund einer Krebsdiagnose unter Angststörungen und/oder Depressionen leidet. Eine Reihe randomisierter kontrollierter Studien (n=12–51) hat einen starken Rückgang von Depressionen und Angstzuständen verzeichnen können. Aussagekräftige Studien zur Behandlung schwerer bis behandlungsresistenter Depressionen, die nicht durch eine schwerwiegende Diagnose ausgelöst wurden, fehlten bisher. 

Anfang des Jahres hat die Johns Hopkins University nun eine randomisierte kontrollierte Studie veröffentlicht, die die vielversprechenden Ergebnisse früherer kleinerer Interventionen bestätigen konnte. Bei nahezu drei Vierteln der Teilnehmenden (71%) führte schon eine zweimalige Gabe von Psilocybin in Kombination mit einer Psychotherapie zu einer schnellen und signifikanten Reduktion depressiver Symptome, bei mehr als der Hälfte (54%) gar zur Remission binnen vier Wochen nach der Intervention. 

Eine Studie vom Imperial College London hat außerdem Psilocybin mit dem häufig verschriebenen SSRI Escitalopram verglichen. Nach zwei Dosen Psilocybin verbesserten sich die depressiven Symptome hier im gleichen Maße wie nach sechswöchiger Gabe des SSRI. Während die durchschnittliche Ansprechrate des SSRI bei lediglich 48% lag, sprachen auf Psilocybin mehr als 70% der Teilnehmenden an. Außerdem wirkte Psilocybin deutlich schneller – in der Regel schon einen Tag nach der ersten Dosis. Ähnlich wie in der Johns-Hopkins-Studie kam es in der Psilocybingruppe (n=30) bei 57% der Patient:innen zu einer Remission, in der Escitalopramgruppe (n=29) war dies lediglich bei 28% der Fall. 

Die häufigsten Nebenwirkungen von Psilocybin waren kurzzeitige Angstzustände, vorübergehende Kopfschmerzen, Übelkeit sowie ein leichter Anstieg von Herzfrequenz und Blutdruck. Diese traten fast ausschließlich während der Session auf und dauerten nicht darüber hinaus an. In der Escitalopramgruppe kam es zu stärkerer Benommenheit, trockenem Mund, sexueller Dysfunktion und Angstzuständen während der gesamten Behandlungsdauer. 

Wie lange die antidepressive Wirkung von Psilocybin anhält, konnten diese beiden Studien bisher nicht zeigen, da die Beobachtungszeiträume nur wenige Wochen betrugen. Eine signifikant antidepressive und angstlösende Wirkung von mindestens sechs Monaten haben kleinere Interventionen bereits nachgewiesen. Dies müssen nun größere, gut kontrollierte Studien noch bestätigen. Eine Studie, die maßgeblich dazu beitragen könnte, beginnt gerade am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und an der Berliner Charité. Hier erhalten 144 Patient:innen mit behandlungsresistenter Depression eine Psilocybin-gestützte Psychotherapie (mehr dazu im aktuellen AMBOSS-Podcast).

Sollte sich die Psychedelika-assistierte Psychotherapie auch in größeren Studien wie  dieser als effektiv erweisen, könnte das einen Paradigmenwechsel in der Behandlung von Depressionen einläuten: weg von einer Psychopharmaka-geprägten Sichtweise, hin zu einem ganzheitlichen biopsychosozialen Modell. 

 

Eine Übersicht verfügbarer Medikamente befindet sich im AMBOSS-Kapitel Antidepressiva.

Quellen:

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