Sweet dreams? Wie Schlafmangel Diabetes begünstigen kann

Johanna Tillner - Samstag, 24.4.2021
Mann in Hemd und Krawatte reibt sich die Augen unter seiner Brille.

Schlafstörungen sind ein Volksleiden unserer heutigen Gesellschaft. Zahlreiche Studien zeigen: Wer chronisch zu wenig schläft, hat ein höheres Risiko für Übergewicht und Diabetes. Wir erklären den Zusammenhang und warum es Zeit wird, den Risikofaktor “Schlafmangel” in jeder Anamnese zu berücksichtigen.

Acht von zehn Menschen leiden laut großen Krankenkassenumfragen darunter, zu wenig Schlaf zu bekommen. Dauerhaft weniger als sieben bis acht Stunden pro Nacht zu schlafen, birgt – unabhängig vom subjektiven Leidensdruck – zahlreiche Risiken für die Gesundheit. So ist unser Immunsystem auf ausreichend Schlaf angewiesen. Aber auch neurologische, kardiovaskuläre und sogar onkologische Erkrankungen werden von Schlafmangel negativ beeinflusst.

Welche Rolle Schlaf für den Metabolismus spielt, ist Gegenstand intensiver Forschung. Inzwischen bestätigen zahlreiche Studien: Chronischer Schlafmangel erhöht das Risiko für Diabetes mellitus Typ 2 ebenso wie für Übergewicht. Bedenkt man die gesellschaftliche und individuelle Belastung durch diese Volkskrankheiten, so verwundert es, dass diese Erkenntnis noch nicht im ärztlichen Alltag angekommen ist. 

Der Stoffwechsel des Menschen unterliegt vielen Einflussfaktoren. Durch zwei zentrale Mechanismen kann Schlafmangel dabei Übergewicht und Diabetes begünstigen: Zum einen essen wir mehr, je weniger wir schlafen. Und zum anderen schränkt Schlafmangel die Fähigkeit des Körpers ein, den Blutzuckerspiegel zu regulieren. 

Zur Erinnerung: Die beiden Hormone Leptin und Ghrelin steuern maßgeblich unseren Appetit und damit unser Essverhalten. Während Leptin dem Körper Sättigung signalisiert, triggert sein Gegenspieler Ghrelin ein Hungergefühl. Befinden sich beide im Ungleichgewicht, begünstigt das eine Gewichtszunahme. Physiologischerweise steigt Leptin über den Tag bis zu einem nächtlichen Maximum an und fällt bis zum Morgen aufgrund der Nahrungskarenz wieder ab. Der Spiegel des Hungerhormons Ghrelin sinkt hingegen schnell bei Nahrungsaufnahme, um dann bei Antizipation der nächsten Mahlzeit wieder anzusteigen. 

Über Ernährung und Tag-Nacht-Rhythmus hinaus spielt offenbar auch Schlaf eine wichtige Rolle: So steigt im Schlaf sogar bei kontinuierlicher enteraler Ernährung die Leptinkonzentration im Blut an – unabhängig von der Tages- oder Nachtzeit. Ghrelin sinkt in der zweiten Hälfte des Nachtschlafs trotz Nahrungskarenz. Schlaf scheint diese Hormonachse als eigenständiger Faktor zu beeinflussen. 

Was wiederum passiert, wenn der Schlaf gestört ist, konnten Interventionsstudien zeigen. So beobachteten etwa Eve Van Cauter und ihr Team an der Universität Chicago: Schon wenige Nächte mit einer auf vier bis sechs Stunden begrenzten Schlafdauer scheinen das Gleichgewicht der Hormone zu stören: Die Leptinkonzentration sinkt, während die Ghrelinausschüttung steigt. Der Appetit wird also hochgefahren und gleichzeitig das Sättigungsgefühl reduziert – eine günstige Kombination für Gewichtszunahme. In der Tat nahmen die übermüdeten Teilnehmenden solcher Interventionsstudien pro Tag etwa 300 Kalorien mehr zu sich als die ausgeschlafenen Mitglieder der Kontrollgruppe. Aufs Jahr hochgerechnet, lässt sich leicht abschätzen, wie chronisch eingeschränkter Schlaf zu einer Gewichtszunahme führen kann. Übergewicht hat meist eine Vielzahl von Gründen. Doch epidemiologische Daten der letzten Jahrzehnte legen nahe, dass Schlafmangel ein Schlüsselfaktor bei der weltweiten Zunahme von Adipositas sein könnte.

Unabhängig vom Faktor Übergewicht konnten großangelegte epidemiologische Studien außerdem eine direkte Korrelation zwischen Schlafmangel und Diabetes mellitus Typ 2 zeigen. Es bleibt die Frage der Kausalität: Ist es der diabetische Zustand, der zu Schlafstörungen führt, oder verhält es sich anders herum? Mehrere kontrollierte Studien an gesunden Individuen kommen zu einem eindrücklichen Ergebnis: Wurde die Schlafdauer auf – je nach Studiendesign – vier bis sechs Stunden begrenzt, zeigten die Proband:innen schon nach wenigen Nächten eine geringere Effektivität, Glucose zu absorbieren. In Nachuntersuchungen ließ sich diese Beobachtung vor allem auf eine erhöhte Insulinresistenz zurückführen. Die Folge: Die schlafentzügigen Teilnehmenden entwickelten eine moderate Hyperglykämie, die wir im ärztlichen Alltag als Prädiabetes einstufen würden. 

Jede hausärztliche Praxis würde in einer solchen Situation Interventionsmaßnahmen einleiten, um zu verhindern, dass sich aus dem Prädiabetes das Vollbild des Diabetes mellitus Typ 2 entwickelt. Empfohlen wird jedoch oft nur eine Ernährungsumstellung sowie regelmäßige Bewegung. Es wird Zeit, unsere Patient:innen auch nach ihrem Schlaf zu befragen und eventuelle Schlafstörungen leitliniengerecht zu behandeln. Vielleicht fällt dann auch die Ernährungsumstellung leichter. 

 

Die diagnostischen Kriterien für eine Schlafstörung sowie die therapeutischen Möglichkeiten finden sich bei AMBOSS im Kapitel Insomnien und Parasomnien. Wer AMBOSS noch nicht nutzt, kann über einen fünftägigen, kostenlosen Probezugang auf die Kapitel zugreifen.

Über das große Thema Schlaf sprechen wir auch in unserer neuen Podcast-Folge „Schlaf – Die unterschätzte Medizin“. Prof. Dr. med. Christoph Schöbel teilt mit uns viele weitere interessante Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse zu Schlafmangel und Schlafstörungen.

 

Zum Weiterlesen:
Van Cauter E, Holmback U, Knutson K, et al. Impact of sleep and sleep loss on neuroendocrine and metabolic function. Horm Res. 2007;67 Suppl 1:2-9. doi:10.1159/000097543

Ogilvie RP, Patel SR. The epidemiology of sleep and obesity. Sleep Health. 2017;3(5):383-388. doi:10.1016/j.sleh.2017.07.013

Anothaisintawee T, Reutrakul S, Van Cauter E, Thakkinstian A. Sleep disturbances compared to traditional risk factors for diabetes development: Systematic review and meta-analysis. Sleep Med Rev. 2016;30:11-24. doi:10.1016/j.smrv.2015.10.002