Tatort: Notaufnahme

Angélique Fülbier - Freitag, 11.9.2020

Fremdaggressive Patient:innen: Interventionsbedarf über die Akutversorgung hinaus.

Beschimpft, belästigt, angespuckt und geschlagen. Man mag bei diesen Stichworten an eine Auseinandersetzung von Gewalttäter:innen mit der Polizei denken doch leider sind zunehmend auch medizinische Berufe Opfer von Gewalt.

Neben Feuerwehr und Rettungsdienst gibt es noch einen weiteren Brennpunkt: die Notaufnahme. Am Nadelöhr zwischen ambulanter und klinischer Versorgung genau da, wo Leidensdruck und lange Wartezeiten auf überlastetes Klinikpersonal treffen. Übergriffe dieser Art werden häufig nicht gemeldet, da Behandler:innen befürchten, unprofessionell zu wirken. Angriffe durch fremdaggressive Patient:innen gehören für viele bereits zum Arbeitsalltag. Dieser Zustand trägt dazu bei, dass die Unzufriedenheit am Arbeitsplatz steigt. 

Konkrete Daten zu Häufigkeit und Art der Angriffe gibt es kaum. Eine hohe Dunkelziffer ist anzunehmen. Denn nur wenn auf ein Gewaltereignis tatsächlich eine kausal zurückführbare Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen folgt, muss der Arbeitgeber den Vorfall an den jeweiligen Unfallversicherungsträger melden. Psychische Traumatisierungen werden statistisch erst gar nicht als Arbeitsunfall erfasst (Bundesverband der Unfallkassen, 2005).

Einblicke in den Alltag lieferte 2019 eine Pilot-Studie. Diese wertete anhand von Fragebögen die Belastungssituation von Pflegekräften in deutschen Notaufnahmen aus. Von 105 Befragten gaben 94% des männlichen und 89% des weiblichen Pflegepersonals an, bereits physischer Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein. Anders formuliert: Weniger als 10% des Pflegepersonals hat noch keine Übergriffe am Arbeitsplatz erlebt. Verbale Gewalt in Form von Beleidigungen und Drohungen stehe an der Tagesordnung. Auch sexualisierte Gewalt durch Patient:innen findet sich am Arbeitsplatz. Diese äußere sich unter anderem durch obszöne Bemerkungen (55%) sowie Gesten und unerwünschte sexuell motivierte Berührungen durch Patient:innen (24%).

Mitarbeiter:innen vor gewalttätigen Übergriffen zu schützen, zählt gemäß Arbeitsschutzgesetz zu den Pflichten des Arbeitgebers. Laut der Studienergebnisse fühlen sich jedoch 73% der Befragten am Arbeitsplatz nicht mehr sicher und nur unzureichend auf derartige Situationen vorbereitet. Höchste Zeit, Präventivmaßnahmen auszubauen.

Häufig werden hierzu Sicherheitspläne sowie -personal, Videoüberwachung, Alarmknöpfe und andere Elemente des Schutzes herangezogen. Kritiker:innen sehen dadurch jedoch eine Eskalationsspirale angetrieben, bei der sich Gewaltbereite durch sichtbare Sicherheitsmaßnahmen provoziert fühlen. Schlecht ausgebildetes Sicherheitspersonal kann durch Fehleinschätzung und Anwendung unverhältnismäßiger Gewalt zudem auch großen Schaden anrichten. Nicht zuletzt wirkt die Anwesenheit von Sicherheitskräften sowohl auf das Personal als auch auf friedliche Patient:innen häufig einschüchternd und beeinträchtigt damit das unabdingbare Vertrauensverhältnis einer guten medizinischen Versorgung.

Neben der Integration schützender Maßnahmen sollte auch über  Unterstützung des  Personals nachgedacht werden. Eine Schulung in deeskalativer Patientenkommunikation ist essentiell, auch für Kolleg:innen nicht-psychiatrischer Fachbereiche. Erweitern lässt sich dies durch das Erlernen von Selbstverteidigungstechniken. Für ein sicheres Handeln im “worst case scenario” könnte wiederum eine Schulung in der korrekten Handhabung von Fixierungen hilfreich sein, damit neben einer sachgemäßen Durchführung Indikation und Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. 

Greifen Präventivmaßnahmen nur unzureichend oder wurde bereits Gewalt durch Patient:innen erfahren, bedarf es mitunter auch psychologischer Unterstützung. Von akuter Belastung über psychosomatische Beschwerden bis hin zu Burn-out und posttraumatischer Belastungsstörung: Die Liste möglicher Folgeerkrankungen ist lang. Eine erste Anlaufstelle nach Gewaltvorfällen können die Betriebsmediziner:innen sein. Vermehrt werden auch niedrigschwellige telefonische Beratungsangebote geschaffen. Zur Krisen- und Frühintervention übernehmen die Unfallkassen zunächst fünf probatorische psychotherapeutische Sitzungen. Benötigen die Betroffenen weiterführende psychotherapeutische Unterstützung, wird dies individuell mit den Unfallkassen abgestimmt.

Wünschenswert, aber fast utopisch erscheint es, dass an den Ursachen gearbeitet wird. Dazu gehören die personelle Unterbesetzung in Notaufnahmen, die chronische Überlastung durch Bagatellfälle sowie eine unzureichende Kommunikation mit Patient:innen und Angehörigen. Nicht zuletzt sind Notaufnahmen leider allzu häufig auch Austragungsorte psychosozialer Eskalationen, die am ehesten durch akute und im Verlauf nachhaltige, psychosoziale Intervention und eben nicht durch Gipsverband oder Infusionstherapie gelöst werden können.

Letztlich sind die Folgen verheerend: Wo das Sicherheitsgefühl am Arbeitsplatz abnimmt, steigen Fehlzeiten, Arbeitsunzufriedenheit und Personalfluktuation. Eine
Ausgangslage, die den derzeitigen Personalmangel der medizinischen Berufe zusätzlich anheizt und in der Vergangenheit nachweislich zum Ausscheiden hochqualifizierter und -motivierter Menschen aus der Gesundheitsversorgung geführt hat.

Eigenschutz als höchstes Gut! Praktische Informationen zum adäquaten Einschätzen von Gefahrensituationen, Deeskalation und Pharmakotherapie findest du außerdem im AMBOSS-Kapitel “Vorgehen bei fremdaggressivem Verhalten - AMBOSS-SOP”.

Quellen:
https://www.kuvb.de/fileadmin/daten/dokumente/GBI/Gesundheitsdienst/GUV-I_8628.pdf
https://www.asu-arbeitsmedizin.com/wissenschaft/gewalt-gegen-pflegende-notaufnahmen
https://www.unfallkasse-nrw.de/fileadmin/server/download/Sonderschriften/Notfallmanagement.pdf