Auf die Plätze, fertig, piks?

Britta Verlinden - Freitag, 14.1.2022
Kindlicher Oberarm mit Tiger-Pflaster

Neues Jahr, neue Erkenntnisse: Warum die COVID-Impfung von Kindern nicht nur sicher und sinnvoll, sondern womöglich auch dringend geboten ist.

Am 9. Dezember war es endlich so weit: Die STIKO veröffentlichte ihre Stellungnahme zur COVID-Impfung von Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren. Darin empfiehlt sie ausdrücklich die Immunisierung von Kindern mit Vorerkrankungen wie Adipositas, Diabetes oder Krebs. Auch für Kinder im Umfeld besonders gefährdeter, etwa hochbetagter oder immunsupprimierter Personen wird die Impfung empfohlen. Allerdings können „bei individuellem Wunsch“ auch alle anderen Fünf- bis Elfjährigen geimpft werden – Voraussetzung: eine ausführliche ärztliche Aufklärung. Welche Informationen sind jetzt für die Impfberatung entscheidend?

Primum non nocere: Der Impfstoff ist sicher

Wie bereits in der Zulassungsstudie hat sich die Impfung auch nach millionenfacher Anwendung in der Praxis als sehr sicher erwiesen. Das zeigt eine Auswertung von Impfnebenwirkungen durch die US-Gesundheitsbehörde CDC: Im Untersuchungszeitraum wurden über acht Millionen Dosen verimpft.  Wo Nebenwirkungen gemeldet wurden, waren sie in 98% der Fälle leicht. Bei zwölf Kindern trat eine Myokarditis auf – im Vergleich zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist das Risiko einer Herzmuskelentzündung für diese Altersgruppe also deutlich geringer. Das könnte mit der Dosis zusammenhängen: Kinder erhalten zweimal je 10 µg des BioNTech/Pfizer-Vakzins Comirnaty, also ein Drittel der Menge, die für alle ab zwölf Jahren vorgesehen ist. 

Kinder erkranken seltener als Erwachsene – aber sie erkranken

Nun gilt es, die Impfnebenwirkungen gegen die Risiken einer Infektion abzuwägen. Hier ist die Lage auch nach zwei Jahren Pandemie nicht eindeutig. Doch bevor es um Komplikationen wie PIMS, Long-COVID und neu aufgetretenen Diabetes geht, zunächst ein Blick auf die Zahlen von Infektionen, Krankenhausaufnahmen, Intensivbehandlungen und tödlichen Verläufen:

Dem RKI wurden bislang rund 700.000 positiv getestete Kinder zwischen fünf und elf Jahren gemeldet. Etwa 16% aller im freiwilligen COVID-19-Survey der DGPI erfassten stationär-pädiatrischen Behandlungen entfielen auf diese Altersgruppe. Seit Beginn des Jahres liegen laut Intensivregister jeden Tag mindestens 27 Minderjährige wegen COVID-19 auf der Intensivstation. Insgesamt sind laut RKI mindestens 41 Kinder und Jugendliche im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben.

Diese Zahlen stehen natürlich in keinem Verhältnis zu denen der Erwachsenen. Umso relevanter ist es, sie im Kontext der sonst sehr guten Kindergesundheit zu betrachten: So zählt COVID-19 bei Fünf- bis Elfjährigen in den USA mittlerweile zu den häufigsten Todesursachen. In Europa müssen einer Vorabveröffentlichung des European Centre for Disease Prevention and Control zufolge etwa 1,2% der symptomatisch erkrankten Kinder und Jugendlichen ins Krankenhaus; 0,08% werden intensivpflichtig und 0,01% versterben. Wichtig zu wissen: Drei von vier hospitalisierten Fünf- bis Elfjährigen hatten dieser Auswertung zufolge keinerlei Vorerkrankungen.

Eine noch nicht begutachtete deutsche Studie kam wiederum zu dem Schluss, dass gesunde Fünf- bis Elfjährige am wenigsten von schweren COVID-19-Verläufen betroffen sind. Die Mortalität ließ sich nicht berechnen, da im ausgewerteten Zeitraum kein vormals gesundes Kind dieser Altersgruppe verstorben war.

Kinder zwischen fünf und elf Jahren haben das höchste PIMS-Risiko 

Die gleiche Studie warnt allerdings vor dem pädiatrischen inflammatorischen Multiorgansyndrom (PIMS). Dabei kommt es wenige Wochen nach einer Ansteckung – die auch asymptomatisch verlaufen kann – zu einer hyperinflammatorischen Immunreaktion, die Überschneidungen mit dem Kawasaki- und dem Toxic-Shock-Syndrom zeigt und meist eine intensivmedizinische Behandlung erfordert. Das Risiko, nach einer SARS-CoV-2-Infektion ein PIMS zu entwickeln, liegt laut den vorläufigen Daten dieser Studie bei 1 zu 4.000; in der Mehrzahl der aufgetretenen Fälle seien keinerlei Vorerkrankungen bekannt gewesen. In Deutschland hat die DGPI mit ihrem freiwilligen PIMS-Register bislang 549 Fälle erfasst, bei knapp der Hälfte der Betroffenen (49%) handelte es sich um Kinder zwischen fünf und elf Jahren.

Long-COVID und andere Langzeitfolgen einer Infektion

Zu Long-COVID bei Kindern gibt es große Wissenslücken. Verschiedene Forschungsgruppen weisen darauf hin, dass sich Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten nur schwer von pandemiebedingten Problemen abgrenzen lassen, die auch Kinder ohne SARS-CoV-2-Nachweis belasten. Als Long-COVID-Symptome gelten außerdem Müdigkeit, Störungen von Geruchs- und Geschmackssinn, Schwindel, Muskelschwäche und Atemprobleme. An diesen Symptomen litten laut einer aktuellen dänischen Studie 0,8% der teilnehmenden SARS-CoV-2-positiven Kinder und Jugendlichen noch mindestens vier Wochen nach der Infektion. 

Einer großen britischen Studie zufolge könnten hingegen bis zu 14% aller infizierten Kinder und Jugendlichen an Long-COVID leiden – und zwar auch noch 15 Wochen nach der Ansteckung. Von Erwachsenen ist bekannt, dass Langzeitsymptome grundsätzlich auch bei Infizierten auftreten können, die einen initial milden Krankheitsverlauf hatten. PET-Scan-Aufnahmen konnten sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen Veränderungen im Hirnstoffwechsel nachweisen, die mit der Schwere von Long-COVID-Symptomen korrelierten.

Das RKI ordnet sowohl Long-COVID als auch PIMS als Krankheitsbilder ein, „deren Langzeitprognosen noch nicht endgültig bekannt“ seien. Indes kristallisiert sich eine weitere mögliche Komplikation heraus: So scheint eine Corona-Infektion bei Kindern und Jugendlichen – wie bei Erwachsenen – das Diabetesrisiko zu erhöhen. Minderjährige, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert hatten, entwickelten einer Analyse der CDC zufolge 2,5-mal häufiger einen Diabetes mellitus Typ 1 als gesunde Gleichaltrige.

Wie gut schützt die Impfung vor diesen Komplikationen?

Ob die Impfung Fünf- bis Elfjährige vor diesen Komplikationen schützt, lässt sich bislang nicht feststellen. Erkenntnisse aus anderen Altersgruppen sprechen aber dafür. So hat eine französische Studie den Impfstatus von Jugendlichen untersucht, die zwischen September und Oktober 2021 mit PIMS ins Krankenhaus bzw. auf die Intensivstation kamen: Niemand der 33 Betroffenen war zweifach geimpft. Eine Auswertung der CDC hat ergeben, dass die doppelte Impfung von Zwölf- bis 17-Jährigen ihr PIMS-Risiko um 91% reduziert.

Kann das PIMS auch nach der Impfung auftreten? Hier hat die US-Gesundheitsbehörde ebenfalls neue Erkenntnisse geliefert: Unter rund 21 Millionen Geimpften identifizierten die Forschenden 21 Jugendliche mit PIMS. Zwei Drittel von ihnen hatten sich jedoch zuvor mit dem Virus infiziert. Ohne serologisch nachweisbare vorherige Infektion lag die PIMS-Inzidenz geimpfter Jugendlicher bei 0,3 Fällen je einer Million geimpfter Personen, also einer extrem niedrigen Rate im Vergleich zur Häufigkeit des PIMS nach Infektion.

Auch auf Long-COVID scheint sich die Impfung positiv auszuwirken. So hat eine als Preprint vorab veröffentlichte israelische Studie 951 Personen beobachtet, die sich infiziert hatten und von denen zwei Drittel anschließend den Impfstoff erhielten. Binnen vier Monaten besserten sich die meisten der Long-COVID-Symptome – um etwa 60% im Vergleich zu den Symptomen jener Teilnehmenden, die nicht geimpft wurden.

Aber wenn Omikron doch nun für mildere Krankheitsverläufe sorgt?

Zum einen bedeutet „milder“ nicht „mild“. Zum anderen: Selbst wenn Omikron-Erkrankungen komplikationsärmer verlaufen, kann es durch die große Zahl Infizierter dennoch zu Versorgungsengpässen kommen. Davor warnt etwa der Expertenrat der Bundesregierung in seiner jüngsten Stellungnahme – und zwar „gerade im Bereich der Kinderkliniken“.

Tatsächlich gab es zunächst aus Südafrika, dann aus Großbritannien und aktuell auch aus den USA Berichte über steil ansteigende Hospitalisierungsraten erkrankter Kinder. Und während die Omikron-Welle im sommerlichen Südafrika bereits wieder abklingt, geht sie hierzulande parallel zum Schulstart nach den Ferien gerade erst los. Weil die Impfung auch bei Omikron zuverlässig vor schweren Verläufen schützt, empfiehlt der Expertenrat, die Impfkampagne zu intensivieren – und zwar ausdrücklich „in allen Altersgruppen“. 

Die European Pediatric Association betonte kürzlich in einem Kommentar: „Die Impfung von Kindern und Jugendlichen schützt vor den Risiken einer SARS-CoV-2-Infektion und ihren kurz- und langfristigen Komplikationen.“ Auch die deutschen kinderärztlichen Fachgesellschaften und Verbände DGKJ, DGPI und BVKJ pochen neben der Einhaltung der S3-Leitlinie für sichere Schulen auf „die möglichst komplette Durchimpfung“ aller, für die ein Impfangebot besteht. 

Bislang sind dem Impfquoten-Monitoring des RKI zufolge eine halbe Million pädiatrische Dosen verabreicht worden. Für die zweite Januarwoche hatten laut kassenärztlicher Bundesvereinigung allerdings mehr als 10.000 Ärztinnen und Ärzte Kinderimpfstoff bestellt; insgesamt sollten 600.000 Dosen an die Praxen und weitere 400.000 an Impfzentren geliefert werden. Es ist also zu hoffen, dass der Anteil geimpfter Kinder zwischen fünf und elf Jahren hierzulande in naher Zukunft deutlich steigen wird. 

Erfahrungen andernorts zeigen, wie sinnvoll diese Vorbereitungen sind: Laut der New Yorker Gesundheitsbehörde stiegen vor Weihnachten die Krankenhauseinweisungen von Kindern im Vergleich zu den Vorwochen um das Vierfache – 91% der Kinder zwischen fünf und elf Jahren, die mit COVID-19 ins Krankenhaus kamen, waren nicht geimpft. Über die Hälfte der eingelieferten Kinder waren allerdings jünger als fünf.

Und was ist mit den ganz Kleinen?

Für Kinder unter fünf Jahren gibt es aktuell keinen zugelassenen Impfstoff – entsprechende Studien laufen noch. Sicherheitsbedenken sind bislang keine bekannt. Geprüft wird ein Zehntel der Erwachsenendosis, also 3 μg. Wie BioNTech und Pfizer im Dezember mitteilten, scheint diese Dosis für Kinder im Alter von sechs Monaten bis zwei Jahren erfolgversprechend zu sein. Bei Kindern zwischen zwei und fünf Jahren rief sie hingegen keine ausreichend hohe Immunantwort hervor. Die Hersteller haben das untersuchte Impfschema deshalb um eine dritte Dosis erweitert und kündigten an, in der ersten Jahreshälfte eine entsprechende Zulassung zu beantragen.

Ob gesund oder vorerkrankt: Derzeit kann eine COVID-Impfung von Kindern unter fünf Jahren also nur als Off-Label-Use erfolgen. Die Nachfrage scheint sehr groß zu sein: Ein ehrenamtliches Projekt, das interessierte Eltern an Off-Label-Impfpraxen vermittelt, hat nach eigenen Angaben über 50.000 Anfragen erhalten. Eine breite Impfung der Fünf- bis Elfjährigen kann diesen Familien helfen. So konstatiert das RKI in seinem Faktenblatt zur Kinder- und Jugendimpfung: „Die Impfung aller Familienmitglieder reduziert die Verbreitung des Coronavirus und schützt damit Risikogruppen und Kinder unter fünf Jahren.“

 

Weitere Informationen:

Wer sich ärztlicherseits an U5-Impfungen beteiligen möchte, wie sie sich zehntausende Eltern wünschen, findet hier weitere Informationen. 

Wie SARS-CoV-2 die β-Zellen des Pankreas infiziert und dadurch Diabetes auslösen könnte, beschreibt dieser AMBOSS-Artikel.

Um Long- und Post-COVID auch bei Kindern besser zu erfassen, hat die DGPI auch für dieses Krankheitsbild ein Register eingerichtet.

 

Quellen:

Ständige Impfkommission: Beschluss der STIKO zur 16. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung Epid Bull 2022;2:3 -15 | DOI 10.25646/9460

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